Schnaufend hielt Lorombar Loritax‘ Sohn an und stemmte genervt die Hände in die Hüfte. Der
Schweiß rann dem Zwerg in Strömen herunter. In den Wipfeln des dichten, unübersichtlichen,
riesigen Mischwaldes rauschte wie zum Hohn eine frische Brise, von der am Erdboden kein
„Ich nehme jetzt meinen Helm ab, ist mir völlig egal, was du davon hältst!“
Sein langjähriger Zwergenfreund Bulgrim, Sohn des Gorgrim, schloss hinter ihm auf und packte
„Das kannst du nicht machen!“, stieß er gedämpft hervor und sah sich einen Moment lang nervös
um. „Was ist, wenn ein Drache uns angreift?!“
Lorombar reckte bockig sein Kinn samt ausladendem, gut gepflegtem Vollbart nach vorn. „Ich
schwitze, und wir sind mitten in diesem vermaledeiten Wald! Wo soll denn bitte schön hier ein
Mit einem erleichterten Seufzen befreite Lorombar sein Haupt von dem dicken Lederhelm,
dessen Nackenschutz bis auf die breiten Schultern des Zwerges herabreichte. Schweißnass klebte
Lorombars dunkelbraunes, schulterlanges Haar an seinem Kopf. Er trug über seiner einfachen
Kleidung einen Harnisch aus dickem Leder, der bei jeder Bewegung knirschende Geräusche von
sich gab. Seine dunkelblaue Hose aus derbem Stoff endete in ausgetretenen Lederstiefeln. Der
Zwerg befestigte seinen Kopfschutz an seinem Gürtel und achtete darauf, dass er seine
rasiermesserscharfe Handaxt immer noch gut ziehen konnte. Wild wuschelte er sich durch sein
nasses Haar und strich abschließend mit routinierter Geste über seinen beachtlichen Vollbart.
„So ist es schon viel besser!“ Lorombar strahlte, doch Bulgrim war immer noch besorgt.
„Hast du alles vergessen, was uns der alte Ohm über die geflügelten Schuppenwesen erzählt hat?
Sie stürzen pfeilschnell und wie aus dem Nichts vom Himmel, speien Feuer und fressen
Lorombar zeigte nach oben auf die Baumwipfel, die sich in unerreichbarer Höhe sanft im
„Zeig mir den Drachen, der uns hier zwischen all diesen Baumdingern findet!“
Trotzig rückte Bulgrim seine Kettenhaube zurecht, die sein krebsrotes, schweißnasses Gesicht
umschloss. Auch er hatte einen für Zwerge typisch ausladenden Vollbart, den die Kettenhaube
„Gut, wie du meinst! Aber sag nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!“
Lorombar deutete nur mit einem Kopfnicken nach vorne. „Geh du voraus, ich habe uns kein
Glück gebracht. Wir haben diese Baumversammlung immer noch nicht hinter uns gelassen.“
Leseprobe aus “Kopfgeldjäger”:
Sie sind lästig wie Fliegen und überall anzutreffen. Jetzt bin ich schon durch das halbe Königreich gereist
und trotzdem hatte gerade einer dieser Halunken den Schankraum betreten. Dabei habe ich mir extra eine
unauffällige Absteige gesucht. Nur wenige Kerzen erhellten den schmuddeligen Raum, aber den
zwielichtigen Besuchern war dies vermutlich egal. „Westwind“ nannte sich diese Taverne, aber eine frische
Brise kam hier wohl nie hinein. Aus dem Augenwinkel musterte ich den neuen Gast. Er machte sich nicht
die Mühe, sein Schwert unter dem Reiseumhang zu verbergen, also war es ihm erlaubt, Waffen zu tragen.
Der Mann hüllte seinen kräftigen Körper in ein knielanges Kettenhemd und schritt wallenden Haares an die
Theke. Ich sandte ihm einen bösen Blick in den Nacken. Das alles gefiel mir gar nicht. Selbstsicheres
Auftreten, teure Rüstung und offen getragenes Schwert – das war kein einfacher Abenteurer auf der Jagd
nach dem schnellen Silberling. Die meisten meiner Verfolger waren Stümper und viele hatten schmerzhafte
Bekanntschaft mit meinem Dolch gemacht. Der hier jedoch war anders. Unwirsch griff ich zu meinem
halbleeren Bierhumpen und trank noch einen tiefen Schluck. Verdammt! Ich konnte anscheinend gar nicht
tief genug abtauchen, als dass nicht einer dieser Menschenjäger mir auf der Spur blieb!
Die Schankmagd Eira schlängelte sich durch das Chaos der Tischanordnung und verteilte für ein paar
Kupferstücke frisches Bier an die Tagelöhner, Bettler und Knechte. Eines musste man dem „Westwind“
lassen: Der Boden war zwar noch nie gewischt worden, keinem der hier Anwesenden mochte man gern im
Dunkeln begegnen, das Essen machte lediglich satt und hielt am Leben – aber das Bier war ausgezeichnet.
Eira hatte nur noch zwei Krüge auf ihrem Tablett und steuerte auf meinen Tisch zu. Es war schon
bemerkenswert, dass ein so schönes junges Ding an einem Ort wie diesem hier anzutreffen war. Und noch
bemerkenswerter war, dass keiner sie anrührte. Aber nachdem ich hier eine Weile gesessen hatte, war mir
schnell klar geworden, woran das lag. Die Kleine war die Tochter des Wirtes, und mit dem fast zwei Meter
großen Hünen, dessen Arme so dick wie meine Oberschenkel waren, wollte sich keiner anlegen. Der Typ
war ein Tier und die Stammgäste wussten das. Ich war clever genug, mich als Fremder ruhig zu verhalten
und saß ganz hinten in einer dunklen Ecke des Raumes. Mit meiner abgewetzten Reisekleidung fiel ich nicht
weiter auf und das war auch gut so.
„Magst du noch was?“ Eiras Stimmchen war hier irgendwie fehl am Platze. Ich sah der jungen Frau kurz in
ihre blauen Augen und schüttelte den Kopf. Mein Blick blieb nicht am sehenswerten Dekolleté hängen,
sondern bei dem bewaffneten Neuankömmling, der gerade den Wirt in ein Gespräch verwickelte.
„Ich werde vermutlich aufbrechen müssen.“
Ihr war mein Blick zur Theke nicht entgangen. „Jemand, der dich sucht?“
Ich verzog meinen Mund zu einem schiefen Lächeln. „Vermutlich.“
Eira verteilte ihre letzten zwei Krüge am Tisch links von mir und ignorierte konsequent die lüsternen Blicke
der vierköpfigen Handwerkergruppe. Was sie sich bei Eiras Anblick dachten, stand ihnen ins Gesicht
geschrieben.
Unvermittelt wurde der Wortwechsel zwischen dem Wirt und dem Krieger lauter. Etliche Köpfe ruckten
herum.
„Schmeiß ihn raus, Gunnar!“, krakeelte einer der Handwerker mutig nach vorn und lachte ausgelassen.
Einfältiger Bursche! Hat wohl noch nie gesehen, was ein fähiger Schwertkämpfer alles mit der Klinge
anstellen kann. Eira war auf dem Rückweg vom Nebentisch mit besorgtem Blick erneut bei mir
stehengeblieben. „Das gefällt mir nicht“, flüsterte sie.
„Mir auch nicht“, knurrte ich. „Mach einfach weiter!“
Das tat sie nicht, sondern beobachtete prüfend die Szene. Auch ich konnte es nicht vermeiden, angespannt
nach vorne zu starren. Ich hörte nicht, was der Krieger zu Gunnar sagte, aber seine Gesten waren eindeutig.
Er hielt ihm einen Steckbrief unter die Nase und ich konnte schwören, dass mein Bild darauf war:
glatzköpfiger, glattrasierter Kerl mit gebrochener Nase und auffälliger Narbe über die gesamte linke Kopf-
und Gesichtshälfte. Diese Verletzung war eine bessere Markierung als jedes Brandzeichen. Wie ich diesen
Treffer damals überstand, blieb mir bis heute schleierhaft, aber möglicherweise trat ich deswegen doch noch
die Fahrt ins Jenseits an. Jeder Idiot merkte sich einen Typen mit so einer deutlichen Narbe.
Wütend schlug Gunnar mit der Faust auf seine Theke. Augenblicklich verstummten alle Gespräche und
jemand zog scharf die Luft ein. Mit schweren Schritten kam Gunnar nach vorn. Sein grimmiger Blick war
beinahe körperlich zu spüren. Der Krieger trat währenddessen in die Mitte des Raumes hinein und ließ
seinen Blick prüfend über die Anwesenden gleiten. Er hatte sich geschickt positioniert, so dass ein schneller
Spurt zur Tavernentür unmöglich war. Eine Flucht kam für mich hier hinten im Eck ohnehin nicht in Frage.
Außerdem war das nicht mein Stil.
„Ist hier ein Wulferan?“, dröhnte Gunnars Bass in den Raum hinein. „Der Herr hier sucht diesen Mann.“
Gunnar war offensichtlich genauso wenig über dessen Besuch erbaut wie die meisten hier.
„Di Matiore ist mein Name“, hob der Krieger mit klarer Stimme an, „und ich suche diese Person.“ Er hielt
den Steckbrief in die Höhe.
Ja, das war ich. Die verdammte Narbe war bis hier hinten zu erkennen. Der Abend würde also kein gutes
Ende nehmen. Eira stand immer noch vor meinem Tisch und versuchte dem Krieger die Sicht auf mich zu
versperren. Nett gemeint, aber das lenkte für gewöhnlich noch mehr Aufmerksamkeit auf das
Dahinterliegende. Und dieser Di Matiore war ein Profi, soviel war mir klar. Es dauerte nicht einmal drei
Wimpernschläge, eher er Eira bemerkte, wie sie auffällig unauffällig dastand.
„Werter Gunnar“, sprach der Kopfgeldjäger gefährlich leise und ohne den Blick abzuwenden, „geht hinter
Eure Theke und verhaltet euch ruhig. Es ist gleich vorbei.“ Dann kam er langsam näher, das Klirren seines
Kettenmantels beherrschte den Raum.